Am gestrigen Abend sahen wir uns mit einigen Teilnehmern der Studienfahrt den Film „Die Grauzone“ an. Es ist ein US-Amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 2001.

 

Der Film behandelt auf eine sehr zugespitzt dargestellte und auf Tatsachen basierte Art, Fragen der Würde, des Anstands, der Moral, der Demütigung durch und des Widerstands gegen die Nazis. Er schildert unglaubliche Zerreißproben im KZ.

 

Der Film verfolgt zwei Handlungsstränge, die sich gegen Ende treffen: Der jüdische Arzt Miklós Nyiszli muss für den KZ-Arzt Josef Mengele diverse pathologische Dienste verrichten und kann so seine Familienangehörigen, die ebenfalls im KZ gefangen sind, mehrmals vor dem sicheren Tod bewahren.

 

Der zweite Strang behandelt das Schicksal der Juden, die in Auschwitz in verschiedenen Sonderkommandos arbeiten, hier in dem Film zusammengesetzt aus jeweils ungarischen und polnischen Juden. Sie müssen der SS dabei helfen, die Vernichtung der Juden in den Gaskammern mit durchzuführen. Sie begleiten die Juden auf ihrem Weg in die Gaskammern, sie machen ihnen etwas vor. Sagen ihnen sie sollen ruhig bleiben, sich ausziehen, ihre Sachen an einen Haken hängen, sie würden nur geduscht werden und je schneller diese Prozedur abgeschlossen sei, desto schneller würden sie wieder mit ihren Familien zusammenkommen.

 

Als die Gaskammern voll sind, verriegeln sie die Türen und die SS wirft das Zyklon B von oben in die Kammern. Nach 20 Minuten sind alle tot. Danach räumen die Mitglieder des Sonderkommandos die Gaskammern und verbrennen die Leichen im Krematorium.

Dabei erleben Einzelne neben dem täglichen demütigenden Horror noch Schrecklicheres. Ein älterer Mann des polnischen Sonderkommandos muss eines Tages seine Frau, seine Tochter und seine Enkelkinder in die Verbrennungsöfen schieben. Er wird daraufhin wahnsinnig und wird von seinen Leuten des Kommandos mit einem Kissen in der Schlafbaracke erstickt oder auch erlöst.

 

In einer weiteren Szene des Films, rebelliert ein älterer Jude im Verlauf des Ganges in die Gaskammern. Verbal greift er ein Mitglied des polnischen Sonderkommandos an. Er beschimpft ihn und sagt die Wahrheit, dass hier alle sterben werden. Er sagt, dass er lieber würdevoll sterben will, als sich hier schweigend zur Schlachtbank führen zu lassen. Er will das Kommandomitglied darauf verpflichten, ebenfalls die Wahrheit zu sagen. Ein heftiger Wortwechsel entwickelt sich, in dessen weiterem Verlauf das Kommandomitglied den rebellierenden Juden totschlägt.

 

Man fragt sich, wie kann er so etwas tun.

Auf der anderen Seite sind es die gleichen Männer des Sonderkommandos, die einen Aufstand planen. Gemeinsam mit einigen Frauen planen sie, die Gaskammern und die Krematorien mit Sprengstoff zu zerstören. Die Frauen eines Arbeitskommandos in der nahe gelegenen Munitionsfabrik schmuggeln Sprengstoff in das Lager, welches dann zu dem Sonderkommando gelangt. Sie alle sind sich dessen bewusst, dass dies ihren eigenen Tod zur Folge haben wird – sie sind sich auch dessen bewusst, dass sie selber kurz davor stehen, ermordet zu werden, da kein Sonderkommando länger als vier Monate überlebt hat. Sie wissen auch, dass die Rote Armee nicht mehr weit ist und wollen durch die Zerstörung der Gaskammern möglichst vielen das Leben retten.

 

Der Film macht auch klar, dass sich der Widerstand in einem KZ nicht von einem Tag auf den anderen organisieren lässt. Du musst die Umstände deines neuen Kampfterrains kennenlernen, du musst die Menschen, mit denen ein Aufstand geplant werden kann, kennenlernen und von Spitzeln unterscheiden können. Du musst herauskriegen, wer von der Wachmannschaft korrumpierbar ist und das alles auf einem Gebiet, in dem der kleinste Fehler den sofortigen Tod bedeuten kann. Das geht nicht von heute auf morgen und nur indem du dich scheinbar mit der Vernichtungsmaschinerie arrangierst, um letztlich gegen sie zu kämpfen. Diesen Spagat macht der Film sehr brutal deutlich und ist kaum auszuhalten.

 

Die Charaktere der Mitglieder in den verschiedenen Sonderkommandos sind unterschiedlich. Als ein Mädchen die Gaskammer überlebt und einer des ungarischen Kommandos dies feststellt, holt er sie heraus und organisiert mit anderen, dass sie, mit Hilfe des o.g. Arztes versorgt und versteckt wird. Das gefährdet den ganzen Aufstandsplan. Die Mitglieder des ungarischen Kommandos haben jedoch ein Prinzip; „Wir bringen niemanden um!“

Diese Gruppe koordiniert die geplante Zerstörung „ihrer“ Gaskammer (Krematorium 1) mit einem anderen, dem polnischen Sonderkommando einer anderen Gaskammer (Krematorium 3) . Der Vertreter dieses Kommandos fordert die sofortige Tötung des Mädchens, weil es zu gefährlich sei sie zu verstecken. Die Gruppe, die er vertritt will auch lieber die eigene Flucht erkämpfen, in dem sie den Sprengstoff dazu nutzen, statt die Gaskammern zu zerstören. Hierüber wurde bereits vorher schon heftig zwischen den Vertretern der beiden Sonderkommandos gestritten. Sein persönliches Motiv ist es, sein Leben um jeden Preis zu retten, während die Ungarn bewusst ihren eigenen Tod in Kauf nehmen und nach ihren Erlebnissen und dessen, was sie tun mussten, irgendwie auch nicht mehr weiterleben wollen, niemanden mehr ins Gesicht gucken können.

 

Die SS hat eine Ahnung, dass die Häftlinge irgendetwas planen. Sie entdecken ein kleines Päckchen des geschmuggelten Sprengstoffes bei einer Frau. Sie verhören und foltern insbesondere zwei Frauen, die in der Munitionsfabrik gearbeitet haben. Im weiteren Verlauf lassen sie alle Frauen des Außenkommandos aus ihren Baracken antreten. Sie fordern die Frauen auf, zu sagen, an wen der Sprengstoff weitergegeben wurde. Sie sagen nichts. Daraufhin wird von der SS eine Frau nach der anderen erschossen, unterbrochen von der Frage „wer hat den Sprengstoff bekommen“. Sie sagen nichts. Eine der verdächtigten Frauen verzweifelt an dieser Situation und rennt in den elektrisch geladenen Zaun und stirbt.

 

Im weiteren Verlauf eskaliert die Situation, das polnische Sonderkommando sprengt das Krematorium 3. Dies ist das Startsignal für das ungarische Kommando. Sie haben vorher Waffen organisiert und auch Sprengstoff. Sie eröffnen das Feuer auf die Wachmannschaften und es entwickelt sich ein heftiger Schusswechsel. Die SS gewinnt zunehmend die Oberhand schlägt den Aufstand nieder. Zuvor gelingt es den Juden noch das Krematorium 1 zu zerstören. Alle Mitglieder der Sonderkommandos werden von der SS ermordet. Die Gaskammern und Krematorien jedoch sind zerstört und werden von den Nazis nicht wieder aufgebaut.

 

Immer wieder tauchte auf dieser Studienfahrt die Frage auf, warum die Juden sich nicht gewehrt haben, warum haben sie sich so massakrieren lassen.

 

Krystina, unser Guide, erzählte uns, dass Widerstand oder gar ein Aufstand immer auch eine Organisation, Disziplin, möglichst auch militärische Erfahrung und eine Führung haben muss. Diese Seiten waren unter der jüdischen Bevölkerung zu schwach entwickelt. Zu den genauen Hintergründen kann ich gar nicht viel sagen, dass weiß ich nicht. Dort jedoch, wo es diese Seiten gab, da gab es auch organisierten Widerstand, so im KZ Sobibor, in dem u.a. jüdische sowjetische Kriegsgefangene der Roten Armee inhaftiert waren. Sie verfügten über militärische Erfahrung und Organisationsdisziplin.

 

Ich möchte zum Schluss noch einen wichtigen Satz von Krystina aufgreifen, den sie uns bei der Führung durch Auschwitz-Birkenau sagte. Sie sagte sinngemäß: “Das Böse konnte nur so stark werden, weil das Gute so wenig dagegen getan hat.“ Ich möchte daher alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auffordern, sich rassistischem Gedankentum überall, wo es auftritt entgegen zu stellen. Und es ist wichtig, sich zu dagegen auch zu organisieren, z.B. in antifaschistischen Initiativen oder auch in den Gewerkschaften.

Oliver