2. Tag 26.03.2015

Der Vormittag – Führung im Stammlager Auschwitz I von Famke Greb und Anna Adam

Heute stand der Besuch im Konzentrationslager Auschwitz I an.

Wir waren alle sehr gespannt, was uns dort erwartet.

Gegen 9 Uhr betraten wir das Gelände des Stammlagers, der erste Eindruck war sehr unerwartet.

Es sah alles recht freundlich aus, bis wir bemerkten dass wir noch gar nicht auf dem richtigen Gelände waren, sondern nur auf dem Vorplatz des Museums.

Nachdem wir das bekannte Tor mit der Aufschrift „ARBEIT MACHT FREI“ passiert hatten, bemerkten wir, dass unsere Erwartungen doch wahr waren.
Ein tristes Gelände, umzingelt mit hohen Stacheldrahtzäunen, große Gebäude, ganz egal wohin man schaute und Wachpostentürme an jeder Ecke – uns war sofort klar: Damals gab es kein Entkommen.

Wir fühlten uns selbst direkt ein wenig eingesperrt, obwohl wir wussten, dass wir „nur zu Besuch“ dort waren. Ein beklemmendes Gefühl überkam einen, wenn man sich umblickte.

Als erstes führte die Museumsführerin uns in einige der Blocks. Es hingen Bilder an den Wänden, wie die Gefangenen damals in die KZs transportiert worden waren, außerdem auch Informationen zu den Menschenmassen, die in das Stammlager eingeliefert wurden.

Tonnenweise Haare der Gefangenen, Brillen, Koffer, Prothesen und ähnliches Auslagen verdeutlichten das Ausmaß und aus Zahlen wurden Menschen.

Unsere Gefühle wurden immer beklemmender.

Die Einsicht, dass diese Gegenstände alle von Menschen waren, die in diesem Lager ermordet worden waren, traf uns wie ein Schlag. Wir konnten das, was man aus Erzählungen, Filmen oder Büchern kannte, sich auf einmal noch viel lebhafter vorstellen. Wenn man sich umschaute, zeigte jedes Gesicht unserer Gruppe eine tiefe Betroffenheit, ob aus Schuldgefühlen, Trauer, Mitgefühl oder Wut, konnten wir nicht sagen. Aber diese Betroffenheit war nicht nur aus den Mienen der Menschen um uns herum, sondern auch aus der beklemmten Stimmung deutlich zu spüren.

Block Nr. 11 nahm uns persönlich besonders stark mit, da dort gezeigt wurde, unter welchen Umständen die Gefangenen leben mussten: Kleine Zellen mit einer Holzkiste als Toilette oder die Holzpritschen, die sie mit vielen Männern teilen mussten. Machten uns die wirklichen Lebensbedingungen erst richtig bewusst.

Im Keller des Gefängnisblocks wurde uns gezeigt, dass die Gefangenen auch zur Strafe manche Nächte zu viert stehend in einer 90 x 90cm großen Standzelle verbringen mussten. Der Keller war insgesamt sehr eng und schmal gebaut, sodass man durch die Masse der Besucher schon einen Eindruck bekam, wie überfüllt und beängstigend es auch damals dort gewesen ist.

Das schlimmste an diesem Besuch im Stammlager war für uns allerdings die Führung durch die Gaskammer. Am Eingang war ein Schild angebracht, auf dem um Ruhe gebeten wurde – Ein Zeichen des Respekts für die vielen ermordeten Menschen in diesem Gebäude.

Der größte Schock traf uns, als wir bemerkten, dass an den Wänden Kratzspuren der panischen, sterbenden, Menschen waren.

Dieser Tag ist für uns nicht so schnell zu verarbeiten und wird für immer in unserer Erinnerung Gedächtnis bleiben.

 

Der Nachmittag: Zeitzeugengespräch mit Arthur Krasnokucki von Sina Leenders und Laura Steinnes

Nachdem wir einige Stunden Zeit hatten, die Erfahrungen des Vormittags zu verarbeiten bzw. versuchten zu verarbeiten, ging es weiter mit dem Zeitzeugengespräch.
Mit gemischten Gefühlen gingen wir an die Sache `ran, da es für uns auf der einen Seite ein Privileg war, so etwas miterleben zu dürfen und auf der anderen Seite hatten wir Angst vor dem, was uns der jüdische Zeitzeuge, Arthur Krasnokucki, zu erzählen hat.

Auf uns wirkte er sehr fit und dabei ist zu beachten, dass er schon über 90 Jahre alt ist.

Seine vielen Geschichten trafen uns sehr, aber vor allem ging es uns sehr nah, als er anfing über seine eigene Geschichte zu erzählen. Dabei kam zur Sprache, dass er bis heute noch Albträume hat, in denen er sieht, wie Kinder aus den Armen ihrer Mütter von SS-Offizieren gerissen werden: „Die Kinder wurden zerrissen, eine Hälfte war in den Händen der Mütter, die andere in denen des SS-Mannes.“
Innerhalb der drei Stunden haben wir erfahren, dass er drei Konzentrationslager überlebt hat, seine Mutter neben ihm verhungert ist und sein Vater aus unerklärlichen Gründen plötzlich verschwunden ist.

Auch die Transporte in den Zugwagons beschrieb er sehr detailliert:

über 70 Personen in einem Wagon, ein Brot für jeweils 5 Leute, 2 Eimer und das über eine Woche

Sein Glück war es, dass er gelernter Elektriker war und somit der schweren, harten Arbeit in der Kälte in den Konzentrationslagern entkommen konnte. Vor allem hat er erwähnt, dass man sich dort Hoffnung gegeben hat, indem man sich eine „neue Familie“ aufgebaut hat, auch er hatte drei Freunde, welche er als Brüder sah.

Nachdem er das 3. Konzentrationslager überlebt hatte, folgte der Todesmarsch. Bei diesem gelang es ihm zu fliehen, indem er sich in einen Kanal flüchtete.

Um seine Worte zu wiederholen, er floh in „Scheiße und Urin“.

Nach einiger Zeit konnte er diesen jedoch verlassen und landete in einem bereits von den Amerikanern eroberten Dorf. Dieses war sicher und er konnte von nun an weiter leben, ohne in ständiger Angst vor der SS leben zu müssen.

Letztendlich kamen bei uns allen viele Emotionen hoch und es verdeutlichte noch einmal die Eindrücke, die wir schon heute Vormittag gemacht haben.

 

Für heute schließen wir mit einem Zitat aus dem Stammlager Auschwitz

„It happened, therefore it can happen again: this ist he core of what we have to say.“ (Primo Levi, italienischer Schriftsteller, der Auschwitz überlebte.)